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IMG 1430Heute ist der Ankunftstag für die erste Woche – die „Sein-Woche, in der es darum geht, unbewusste Angstmuster aufzulösen und die natürliche, persönliche Verfasstheit wiederzubeleben.

Ich habe die Teilnehmenden am Flughafen und in der Hauptstadt – Santa Cruz – abgeholt und schwer bepackt fahren wir nun hinauf in die schroffe und zugleich grünen Gipfel des Anagagebirges.

Hinter dem letzten Grat, nach einem langen Tunnel öffnet sich das Benijo-Tal vor uns und wir blicken auf Taganana im Sonnenuntergang und endlosen Atlantik.
Es ist so spät geworden, dass wir am Abend nur noch zusammenkommen, um Organisatorisches zu besprechen und den Prozess für die Gruppe ohne große inhaltliche Einführung initiieren: Die Aufforderung, das eigene Anliegen in dieser gemeinsamen Auszeit zu formulieren ist schwer genug, denn wer kennt schon den genauen Unterschied zwischen Wünschen, Zielen und Anliegen ?
C. meint zunächst „Jetzt habe ich alle Ziele erreicht – im Job, mit der Familie und in der Lebenssituation. Ich brauche ein neues Ziel. Und all die Schichten, die sich angesammelt haben im weiter machen und durchhalten, all die Fragen und Themen, die ich immer wieder zur Seite geschoben habe, um am Ball zu bleiben, haben vergessen lassen, wer ich eigentlich bin und wo ich eigentlich stehe“. Oder G. formuliert: „Ich möchte wissen, was noch so in mir steckt, ob es eine berufliche Alternative gibt, die mich glücklicher und freudvoller macht“.
Ich kenne aus den vielen Situationen mit Menschen am Wendepunkt diese Wünsche schon recht gut, es sind oft Umstände und äußere Bedingungen, die wir ins Visier nehmen, wenn unser Leben sich nicht mehr stimmig anfühlt.

Gegen Mitternacht wird jedem der Teilnehmenden deutlich, dass es eigentlich darum geht, die eigene Richtung, den eigenen, inneren Maßstab, das eigene „Wirklich wichtig“ zu entdecken und zu verstehen – und dass das nichts mit „Wollen“, „Zielen“ oder „Bedürfnissen unerfüllter Wünsche“ zu tun hat. Vielmehr geht es um ein tieferes Seelenanliegen, dass uns schon unser ganzes Leben begleitet, das wir „irgendwie“ spüren und doch (noch !) nicht richtig greifen können. Unsere wahre, natürliche Identität (auf persönlicher Ebene), unser Geschenk an die Welt, unsere Berufung und Sein.
Das ist ein gute Erkenntnis, um mit einem kleinen Ritual die individuellen Anliegen und Hindernssezu benennen und mit Spannung auf den nächsten Tag schlafen zu gehen.

Wie nun jeden Morgen, treffen wir uns kurz vor Sonnenaufgang auf der Dachterrasse, meditieren gemeinsam, begrüßen die Sonne und vollziehen einige Yogaübungen, die uns in eine verbundene Stimmung von Andacht und Dankbarkeit bringt, bevor wir uns am reich gedeckten Tisch zum Frühstück wiedersehen. Für mich hieß das, um 5h30 aufzustehen, die Misosuppe, den Porridge und allerlei vegetarische Köstlichkeiten vorzubereite, die Tour für den Tag zu planen und meine Gäste in den neuen Tag auf dem Vulkan zu empfangen.

chamorgaGleich heute am ersten Tag werde ich sie in das unwirkliche Tal von Chamorga führen, den Baranco entlang, vorbei an zwei magischen Toren, an denen die Energie so stark ist, dass wir hier die großen Hindernisse erkennen und die Angst beim Namen nennen können. Mit jedem Schritt durch die scheinbar karge Landschaft, die ihren Reichtum erst offenbart, wenn wir verweilen und wirklich hinsehen, wirklich lauschen, zeichnen sich die Vier Kreise des Seins markanter ab.
Es ist mir eine solche Freude, zu sehen wie C. endlich langsamer wird, nicht mehr versucht, im Rhythmus der anderen mitzulaufen, sondern eine Höhle findet, die wie für ihn gemacht scheint, sich in der Stille bewusst über das „Rennen“ in seinem Leben wird und seine Sehnsucht nach Ruhe und dem eigenen Klang beginnt wahrzunehmen. Oder G. die mit großem Widerstand die Übungen durchführt, die ich ihr gebe, die immer schmerzhafter an den Panzer stößt, mit dem sie nicht nur ihren Körper umgeben hat um letztlich da, wo die Felsen eine fast violette Farbe haben, entkräftet festzustellen, dass es nicht der steile Weg zum Blick über den Atlantik ist, der ihr Energie und Freude nimmt…
In der alten Ruine zwischen Baranco und Atlantik machen wir Rast. Es ist nach vielen Einzelübungen und Gesprächen an der Zeit, die Wechselwirkungen zwischen Erfahrungen, Ängsten und Fremdbestimmtheit in der Gruppe zu besprechen und an den einzelnen Lebenssituationen greifbar werden zu lassen. Was die Teilnehmenden nicht wissen ist, dass wir genau hier an dem Ort sind, an dem ich meinen Lehrer und Freuden Carlos zu ersten Mal traf, nachdem er mich in einem Traum gerufen hatte und ich alle Zweifel, Ängste und eingebildeten Zwänge über Bord geworfen hatte – und „einfach“ aus Deutschland „sofort“ zu diesem Ort gekommen war.

Die Luft ist erfüllt vom Ruf wilder Ziegen und vom würzigen Duft der Artemisiasträucher. Der erste Auszeit-Tag ist erfüllt.

Heute, am Montag, ist ein „Haustag“. Keine große, gemeinsam Wanderung, stattdessen zwei Gruppensitzungen, in denen es um die Auflösung alter Muster und Ängste geht, um die Transformation unserer hindernden Glaubenssätze und um die radikale Ehrlichkeit, die für diese erste, schwierigste Etappe im Prozess aufgebracht werden muss.
Während ich C. zuhöre, der mit großer Leidenschaft von den Zwängen des Lebens spricht und der Unmöglichkeit, sich dem zu entziehen, von den schönen, geraden Bahnen, in die er sein Leben mit viel Anstrengung gelenkt hat , ist mir bereits überdeutlich, was sich ihm erst in der Trance am Nachmittag zeigt: Er hat seine Entscheidungen längst getroffen seine Seele weiß und will den nächsten Schritt tun. Doch sein Verstand, der dressiert ist zum zuverlässigen Arbeitnehmer, zum treuen Vater und Ehemann rebelliert, malt Horrorszenarien, ruft Moral und Menschheitsgesetze auf – und hat ihn einmal mehr um den Schlaf gebracht. Erlösung naht – mit jedem Mal, das er von „man“ zu „ich“, von „Autoritäten“ zu Mitmenschen“ von „Zwang“ zu „Wahl“ wechselt. Erlösung nicht nur für ihn sondern auch für mich, denn ich bin und ich brauche Wahrhaftigkeit, folge meinem Wesen und meiner Berufung, lasse nicht locker, ringe mit den Selbstlügen und helfe, Formen aufzuheben und neu zu schaffen. Berufung – ja, ich werde alles geben was ich bin und habe, um auch Dir, C., zu deiner Wahrheit un der für Dich angemessenen Form zu verhelfen.

392437 2419849753700 1338033253 nAber zuerst habe ich noch eine Verabredung mit U. oben bei Alofe, dem Dämonenbaum im Lorbeerwald, an dem ich vor einigen Tagen den alten Brujo Carlos traf. Einmal mehr wird hier ein Mensch mit meiner Hilfe die eigenen Dämonen heraufbeschwören, die vernichtenden Gedanken und Gefühle, die aus Gier, Haß und Verblendung sich festgefressen haben in seinem Herzen der höheren Macht übergeben und heraustreten aus danagaem selbstgebauten Gefängnis.
Das Ritual ist vorbereitet und wird vollzogen, Holz zerbirst, Schmerz bricht hervor, Tränen fließen, Energie beginnt, zu transformieren unter der Zeugenschaft uralter Felsen und Bäume, die seit Jahrhunderten Raum für den menschlichen Schatten und seine Verwandlung geben. Und endlich, endlich beginnt ein Licht zu leuchten, ein Herz zu schlagen Augen werden klar, Geist, Körper und Empfindung befreit für die Wahrheit der Seele.

Auch heute ist es wieder spät geworden.
Ich räume den Tisch ab, mein makrobiotisches Essen hat nicht nur Freude gemacht sondern auch seine Wirkung getan – metallische Energie wurde sanft in die nächste Phase überführt: Energie darf fließen wie das Wasser: blind, formlos, doch einem inneren Ziel zustrebend, untrennbar. Rein.

Alles ist bereit für die große Wanderung zum Drachenblut-Hain, die Arbeit mit den Wandlungsphasen und den verlorenen Persönlichkeitsaspekten kann beginnen.
Der Vollmond steht über den Bergen, eine weitere Chance, aus ganzem Herzen „Ja“ zu sagen wurde genutzt von fünf Menschen auf dem Weg.

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